Buchrezension: ‘Als wär das Leben so’ von Rainer Moritz

Rainer Moritz ist der Leiter Hamburger Literaturhauses, hat eine Radiokolumne, ist Literaturkritiker und Übersetzer, hat eine Ausbildung zum Fußballschiedsrichter gemacht und schreibt eben: Bücher. In diesem Jahr ist sein Roman „Als wär das Leben so“ erschienen.

Im Mittelpunkt des Buches steht Lisa. Sie wächst an der Schlei auf, die weder Fluss noch Meeresarm ist, weder Salz- noch Süßwasser. Und Rainer Moritz beschreibt diese Lisa, von Kindesbeinen an, wie sie älter wird und wie sie für immer mit der Schlei verbunden sein wird.

„Sie schwamm gern, für ihr Leben gern. Nicht um Strecke zu machen. Nie würde sie an einem Ort leben wollen, der fernab von Wasser lag. Ein Flusslauf, ein See, eine Küste, das brauchte sie, und das wusste sie, als Zwölfjährige oder als Vierzehnjährige.“

Rainer Moritz © Gunter Gluecklich

Lisa wächst in einem Haus mit Garten auf, mit einfachen Eltern, mit einer Schwester, die genau das Gegenteil von ihr ist. Während Lisa älter wird, meint sie zu begreifen, was sie vom Leben möchte: Frei sein. Frei von Zwängen und frei von Gedanken daran, wie sie leben sollte.

„Das war ihr Haus, ihr Garten, und sie würde immer wieder an die Schlei zurückkehren, doch sie wusste, dass sie all das nach dem Abitur zurücklassen musste, zumindest eine Zeit lang. Sie spürte ihr Herz, wie es sich zusammenzog, wenn die Eltern gegen halb elf zu gähnen begannen und sich auf ihr Bett freuten. So leben wollte sie nicht.“

Lisa verabschiedet sich vom Land, sie zieht es in die großen Städte. Und alle paar Monate hört sie mal in sich hinein, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Ob sie zufrieden ist, weiß sie nicht und will sie auch nicht wissen. Was sie weiß ist, dass sie keine Kinder möchte. Und einen Grundsatz hat sie auch: Männer müssen gut küssen können. Wobei sich der mit den Jahren auflöst, aber einen Mann an ihrer Seite braucht sie trotzdem nicht.

„Sie saß an einem Tisch im hinteren Bereich, las wie immer in einem Buch und beobachtete die anderen Gäste – meist Paare. Manche sprachen kaum miteinander, vermieden es, einander anzusehen, und lächelten nur, wenn sie vom Kellner angesprochen wurden. Sie schauderte beim Anblick dieser Menschen, die um jeden Preis aneinander festhielten, sich anödeten und das Ende des Urlaubs, dieser Zwangsnähe herbeisehnten. Sie suchte sich aus, mit wem sie in Bars oder am Strand reden wollte, sie kam gut mit sich selbst zurecht.“

Rainer Moritz beschreibt das Leben dieser Lisa, wie sie neue Menschen kennenlernt, wie sie sich von manchen entfernt. Wie sie durch den Alltag läuft, und wie sie manchmal stolpert. Mit einfachen Sätzen, die mit Lisas zunehmendem Alter aber komplizierter werden. Er macht vage Andeutungen zu Situationen, aus denen sich diese junge Frau doch eben nicht so unbeschadet wie es scheint herauswinden konnte. Die sie beschäftigen, und die sie mit sich trägt. Und vor allem in ihren jungen Jahren kommen immer mal wieder kurze Gedanken auf, die dieses Leben im Moment, ohne Gedanken an die Vergangenheit und Zukunft, anzweifeln.

Zwischen manchen Kapiteln erscheinen dann Briefe, die Lisa versucht zu schreiben. An ihre Eltern, aber sie scheitert schon an der Anrede. Diese Briefe werden von Lisa immer wieder abgebrochen, sie stehen auch im Kontrast zu dem Leben, das Lisa gerade führt und lassen deswegen die Leserinnen und Leser alleine im Raum stehen.

„Als wär das Leben so“ von Rainer Moritz beschreibt mit wunderbar passenden und manchmal auch unklaren Worten das Leben dieser Lisa. Der Roman begleitet sie ihr Leben lang. Lisa ist sich bei wenig sicher, aber wie sie leben möchte, das weiß sie. Das Leben rauscht an ihr vorbei, vor allem an der Jugend. Und mit dem Alter wird es langsamer, aber dann spielt das Leben halt auch nicht immer so mit, wie es sollte.

„Als wär das Leben so“ von Rainer Moritz ist als Oktopus Buch beim Kampa Verlag erschienen. 208 Seiten kosten 20 Euro.

Aus dem tiefen Süden im hohen Norden gelandet, moderiert Moritz montags die Kulturtankstelle beim Campusradio Kiel. Tiefentspannt, mit guter Musik und einem kühlen Pils. Später dann irgendwann früh aufstehend und mit Kaffee bei der Presseschau des Deutschlandfunks.