Kulturtankstelle (14.12.20): Neuerscheinungen aus den Alpen (7)

Musikalisch wurden die Neuerscheinungen von Dreimalumalpha und Brandão, Faber, Hunger, filmisch Das neue Evangelium mit Yvan Sagnet besprochen.

 

*** Dreimalumalpha – Jugend ans Geld verloren ***

Aus Österreich gibt es neue Musik, die irgendwo zwischen Indie-Rock und Hamburger Schule unterwegs ist. Die

Dreimalumalpha / Foto: Nicolas Häfele

Musik kommt von der Innsbrucker Band Dreimalumalpha, die letzte Woche ihr Langspiel-Debüt Jugend ans Geld verloren rausgebracht hat. Obwohl die Band aus den Alpen kommt, ist sie erstaunlich weit weg vom Austro-Pop sesshaft geworden. Musikalisch wohnen Dreimalumalpha nicht am Inn, sondern eher an der Elbe in Hamburg. Und zwar ein Stockwerk unter Tocotronic. Vor allem Simon Roginas Gesang lassen den jungen Dirk von Lotzow erscheinen. Es sind aber auch der Sound, die geschriebenen Zeilen und die Lücken in der Musik, die Dreimalumalpha einen eher an Hamburg erinnern. Die Vergleiche mit Tocotronic müssen sich die Österreicher bei ihrem Debütalbum anhören – so schlecht ist dann aber auch nicht.

Seit drei Jahren machen Simon Rogina, Johannes Hahmann und Thomas Krug zusammen Musik. Mit der EP Bleib zurück brachten sie 2018 ihre erste Platte raus. Auf ihrem jetzigen ersten Langspieler Jugend ans Geld verloren werden die Songs von Gitarrenriffs durch ein stark mäanderndes Album getrieben. Es geht um Rastlosigkeit, Differenzen zwischen Wunsch und Realität, Karussell fahren und unkonventionelles Verhalten. Texte und Musik verschwimmen, bei denen Dreimalumalpha zwischen zwei Polen unterwegs sind.

Dreimalumalpha kommen mit erstaunlich wenigen Instrumenten aus, was nicht zuletzt auch an ihrer Dreier-Besetzung liegt. Laut und schnell starten sie in Jugend ans Geld verloren, gegen Ende geht ihnen dann fast die Kraft aus. Das Schlagzeug schafft es gerade noch ins Ziel, die Hörer werden dann in die Nüchternheit und Belanglosigkeit des Alltags geworfen.

 

*** Brandão, Faber, Hunger ***

Ein vielleicht magisches Dreieck ist in der Schweiz entstanden: Dino Brandão, Faber und Sophie Hunger haben sich zusammengetan und ein Album geschrieben. Es trägt den schlichten wie fast schon kitschigen Namen: Ich liebe

Faber, Dino Brandao, Sophie Hunger (v.l.) / Foto: Nadia Tarr

Dich. Es ist während dem Corona-Jahr entstanden, aus einer kleinen Radio-Session ist etwas Großes geworden.

Erst Mal werfen wir einen Blick auf die Entstehung der Musik. Denn eigentlich sind Dino Brandão, Faber und Sophie Hunger ständig auf Tourneen und am Musik schreiben für ihre eigenen Projekte. Im März fiel das aufgrund der Corona-Pandemie erstmal flach und alle drei strandeten in Zürich, der Heimatstadt Fabers. Sophie Hunger hat dort auch eine Wohnung, und Dino Brandão stammt aus dem nahen Brugg.

Die drei, die sich schon vorher auch privat kannten, wurden zu einem Live-Konzert bei einem lokalen Radiosender eingeladen. Sie probten und stellten ein paar Songs in der WG-Küche von Faber und Brandão zusammen. Es folgte der Radioauftritt, doch auch danach trafen sie sich noch, um gemeinsam zu musizieren. Im alternativen Kulturzentrum „Rote Fabrik“ fanden sie einen Schutzraum. Brandão, Faber und Hunger konnten sich dort ausprobieren, ihre Musik finden. Anschließend spielten sie in der „Roten Fabrik“ an drei Abenden vor Publikum – das war schwer begeistert. Alle Abende waren ausverkauft. Auf der Bühne harmonierten die drei zusammen so gut, dass sie sich dazu entschieden, die Songs aufzunehmen. Sie reisten daraufhin im August in ein Studio in der Provence.

Hinter Brandão, Faber, Hunger stecken drei Persönlichkeiten, die wir kurz vorstellen möchten:

Dino Brandão, der wohl unbekannteste Künstler aus der Dreier-Konstellation, wurde 1991 in Brugg, einer Kleinstadt zwischen Zürich und Basel, geboren. Erste Bekanntheit erlangte er in seiner Heimat mit dem Skaten, das er ziemlich gut beherrscht. Das Skaten vernachlässigte er dann langsam, stattdessen gab er sich der Musik hin. Er wurde als Straßenmusiker von Baden, das ein paar Kilometer von Brugg entfernt liegt, bekannt. Er spielte mit seiner Gitarre am Bahnhof, was eigentlich verboten ist. Aber er kennt alle Mitarbeiter der Schweizerischen Bundesbahn, die dort am Bahnhof arbeiten: Er selbst machte dort eine kaufmännische Ausbildung im Reisebüro der SBB. Irgendwann waren die SBB und die Polizei dann aber doch nicht mehr so kulant und verpassten ihm Strafanzeigen. Neben seiner Musik auf der Straße nahm Dino Brandão drei Alben mit seiner Band „Frank Powers“ auf. Eine Band aus Brugg, die viel mit Akustik-Gitarren und Percussions spielt. Bei ihnen war Brandão der Frontsänger. Seit 2019 macht die Band eine Pause. Dino Brandão war zwischenzeitlich auch mal in Zürich zum Popstudium, brach aber nach drei Semestern ab. Und er knüpfte Kontakte zur Musikszene. Zu Sophie Hunger, mit der schon auf den Bühnen unterwegs war, aber auch zu Faber.

Er ist der zweite Mann im Trio. Mit bürgerlichem Namen heißt Faber, wie man so schön sagt, Julian Polinna. Er wurde 1993 in Zürich geboren, ist dort aufgewachsen und wohnt dort. Er stammt aus einer Musikerfamilie, sein Vater ist ein italienischer Liedermacher. Erste Bekanntheit erlangte Faber mit seiner EP „Alles Gute“. Es folgten zwei Alben, mit denen er es an die Spitze der Charts in der Schweiz und Deutschland schaffte. Seine Live-Auftritte sind berauschend: Faber und seine Band geben sich der Musik mit voller Inbrunst hin und scheinen auf der Bühne zu explodieren. Es ist eine unglaubliche Hommage an die Musik, die sich von der Bühne auf das Publikum überträgt. Und kurz bevor die Stimmung dann gänzlich Feuer fängt, steht Faber plötzlich alleine und bei schwachem Licht mit seiner Gitarre auf der Bühne. Alles zerbricht, Ruhe und Melancholie kehren dann ein. Normalerweise sind Faber seine Lieder auf Hochdeutsch, nur selten gibt er sich dem „Schweizerdeutsch“ hin.

Und zu guter Letzt komplettiert Sophie Hunger das Trio. Sie stammt aus Bern, wo sie 1983 geboren wurde. Ihre Mutter war eine Schweizer Politikerin, ihr Vater Diplomat. Deswegen zog sie es früh mit ihrer Familie aus der Schweizer Hauptstadt heraus nach London, Bonn und Zürich. Rund um den Zürichsee sammelte sie, ähnlich wie Faber, ihre ersten Bühnenerfahrungen. Sophie Hunger war bei unterschiedlichen Musikprojekten dabei, ehe sie 2006 ihre erste EP in Eigenproduktion herausbrachte. In der Schweiz stand sie in der Folge mit mehreren Tonträgern auf Platz 1 der Charts. Die Virtuosin hat viele Einflüsse aus dem Jazz und singt dabei auf Französisch, Deutsch und Englisch. Sophie Hunger wohnt unter anderem in Berlin, Paris und Zürich. In der Schweizer Stadt hielt sie sich auch während des Lockdowns im Frühjahr auf.

Zu dem Album steuert jeder der Drei seine Einflüsse bei: Sophie Hunger hat ihr Klavier im Gepäck, auf dem sie gerne Jazz spielt und sie scheint immer sehr leichtfüßig unterwegs zu sein. Brandão ist geprägt von seinen Akustikgitarren, er wirkt sehr reduziert und traurig, scheint manchmal gar zu zerbrechen. Und Faber merkt man seine tiefbrummenden Lieder und Streicher der letzten beiden Alben an. Bei den drei Schweizern kann man leichte Unterschiede bei den Dialekten heraushören. Das gesamte Album wird in Mundart gesungen, dadurch wird es für Kartoffeln, insbesondere für nordische Sorten, wohl nie zu kitschig. Alle Zeilen werden Nordlichter wohl nicht verstehen, aber mit dem Booklet sollte es dann doch klappen. Zeit nehmen, hinsetzen, mitlesen und genießen.

Im Album geht es – wie der Titel „Ich liebe Dich“ schon suggeriert – nur um die Liebe. Über die singen die Drei auch in ihren eigenen Bands. Sie geben sich ihr mit voller Leidenschaft hin. Auf ihrer ersten gemeinsamen Platte geht es um die Liebe in all ihren Facetten: Es handelt von der Trunkenheit, dem Rausch, aber auch von Schwäche, dem Mangel an Liebe und der fehlenden Nähe. Wer sein Herz öffnet, erfährt Schwerelosigkeit und Trance. „Ich liebe Dich“ zeigt aber auch, wie ebendiese Öffnung einen Menschen so verwundbar machen kann. Die drei Cantautori Brandão, Faber und Hunger haben es mit dieser Platte geschafft, in einer ziellosen Zeit ein Album für die Ewigkeit zu schaffen.

 

*** Film: Das neue Evangelium von Milo Rau ***

Er ist eigentlich kein Schauspieler, sondern Aktivist: Genau das prädestiniert Yvan Sagnet dazu, im Film Das neue Evangelium von Milo Rau die Rolle des Jesus zu spielen.

Yvan Sagnet kämpft eigentlich gegen die Unterdrückung der Agrarindustrie. Im Süden Italiens arbeiten illegale

Yvan Sagnet / Foto: Armin Smailovic

Erntehelfer auf Tomatenfeldern. Sie verdienen meist maximal zehn Euro am Tag und leben in Camps ohne Wasser und Strom. Sagnet möchte die Strukturen, die von den Bauern und der Mafia diktiert werden, zerschlagen und den Erntehelfern legale Arbeitsverträge verschaffen. Er sagt: „Bei 39 Cent für eine Dose Tomaten braucht der Bauer Sklaven.“ Yvan Sagnet rief die Arbeiter zum Streik auf, zudem gründete er die Organisation „No Cap“, die sich für den fairen Anbau von Tomaten einsetzt. Doch wie kam der 35-jährige Aktivist zu seiner Filmrolle?

Der Schweizer Regisseur Milo Rau wollte einen Film über das Ende von Jesus Christus drehen. Dabei stieß er in Süditalien auf die Camps der Erntehelfer und auch auf Yvan Sagnet. Milo Rau fragte sich, für wen sich Jesus heute einsetzen würde. Würde er nicht versuchen, die illegalen Arbeiter auf Italiens Tomatenfeldern vor der Sklaverei zu retten?

Yvan Sagnet bekam die Rolle des Jesus angeboten und sagte Milo Rau zu. Im weißen Gewand ist Sagnet im Film zu sehen. Er setzt sich gegen die Ausbeutung von Geflüchteten ein, er predigt, er nimmt das Abendmahl ein. Der Film zeigt, wie Sagnet durch die Straßen der Stadt Matera zieht und zur Revolte der Würde aufruft. Das neue Evangelium erzählt die Geschichte Jesu aus heutiger Sicht. Er zeigt, für wen sich Jesus heute einsetzen würde. Und vor der Kamera stehen vor allem Laiendarsteller. Auch Yvan Sagnet stand davor vor keiner Filmkamera. Damit ist Milo Rau ein authentischer Film gelungen, der den Schwachen eine Stimme gibt und die Reichen über ihren Konsum nachdenken lässt.

Das neue Evangelium von Milo Rau erscheint digital am 17. Dezember. Ein Ticket, das zum Streamen des Films berechtigt, kostet 10 Euro. Die örtlichen Kinos werden an den Erlösen beteiligt. Weitere Infos und dann auch den Film zum Anschauen gibt es unter dasneueevangelium.de.

Tracklist:

Interpret:in Titel
Tocotronic Dieses Jahr
Holy Motors Country Church
Tez Всё связано со всем
Schreng Schreng & La La Freundin
Schreng Schreng & La La Behind the garage
Love A Sweet Jesus
Motorama Ship
Swutscher Burnout Boogie (Rockmesse Edition)
Human Tetris Stenciled Views
Dreimalumalpha Sicherlich nicht
Dreimalumalpha Was ist da bloß los
Dreimalumalpha Ohne Theorie keine Revolution
Tocotronic Sailor Man
Fortuna Ehrenfeld Deux Cieux
Benedikt feat. Tuvaband My Killer
Tiflis Tansit Bazon’s Song
The Düsseldorf Düsterboys Willst Du Nicht Mehr Bei Mir Sein
Yann Tiersen Dispute
Muzz Broken Tambourine
Brandão, Faber, Hunger Hoffnigslos, hoffnigslos
Brandão, Faber, Hunger Euse Rosegarte
Brandão, Faber, Hunger Derfi di hebe
Brandão, Faber, Hunger Ich liebe Dich, Dino
Gina Été Im Rhy
Balthazar Any Suggestion
Nunuk Driving Home