Feature: Die Mannheimer Singer-Songwriterin Shitney Beers

Vor ihrem Konzert in der hansa48 war Shitney Beers bei uns im Studio zu Gast. Mit Moritz sprach sie über Gentrifizierung in Mannheim, die Albumaufnahme in einer Deckenburg und die Kontraste, die sie ausmachen.

 

 

Bei ihrem Namen müssen die Leute meistens erstmal schmunzeln: Shitney Beers. Sie heißt sonst Maxi und ist eine Singer-Songwriterin aus dem wunderschön hässlichen Mannheim. Im Juli ist ihr Debüt-Album „Welcome To Miami“ rausgekommen. Und mit dem war sie in der hansa48 zum Konzert zu Gast. Bevor dort aufgetreten ist, war sie bei uns im Studio und hat über sich, Gentrifizierung, Widersprüche und ihre Musik gesprochen.

Das Konzert in der hansa48 hat Maxi mit dem Song “Time” begonnen. Mit der startet auch ihr Album.

Shitney Beers: “2018 hatte ich eine Abtreibung. Und da geht’s einfach darum und ich fande es wichtig, damit anzufangen, weil das musste einfach mal raus.”

Als der Song vorbei, hat sie sich sofort ihr Bier geschnappt und das Flens ploppen lassen, um die Gäste euphorisch zu begrüßen. Ein krasser Kontrast zu dem Song. Aber das ist eben Shitney Beers: Eine Meisterin der Widersprüche. Und das fängt schon bei ihrem Namen an. Den bei Shitney Beers denken die meisten normalerweise nicht an traurige Songs.

“Ich habe schon alles gehört, auch schon Oi-Punk. Und ganz oft ist es auch so: Ach’, ihr seid Shitney Beers! Und ich so: Ne, ne. Ich bin alleine. Und die so: Und was machst Du für Musik? Und ich so: Naja, so traurige Singer-Songwriter-Mukke. Und die Leute so: Ach, ok. Sorry, bei dem Namen denkt man eher an Sauf-Punk.”

Vielleicht ging es so auch den Gästen in der hansa. Denn Shitney Beers hört sich nicht ernsthaft an. Aber die findet den Widerspruch in ihrem Namen gut. Es ist dann einfach ein krasser Kontrast auf der Bühne: Auf der einen Seite sind schwere, traurige und ruhige Songs und auf der anderen ihre lausigen und lustigen Ansagen. Und natürlich ihr Bierdurst. Der kommt von der Nervosität vorm Konzert.

“Ich finde es immer sehr lustig, Leute zu überraschen. Und teilweise kommen die Leute nach dem Konzert zu mir und sind enttäuscht. Und Leuten, die meine Musik schon gehört haben, sage: Warte mal bis zum Konzert. Dann weißt Du, warum ich Shitney Beers heiße. Weil die Shows halt scheiße sind und ich richtig viel Bier auf der Bühne trinke.”

Die Atmosphäre beim Konzert ist zum einen sehr emotional berührt während der Songs, und während ihrer Ansagen fast peinlich berührt.

“Die Songs vom Album sind schon traurig. Also sind auch schön öfter Leute beim Konzert gegangen oder mussten raus. Die sind dann danach zu mir gekommen und haben gesagt: Sorry, das hat viel zu hart gehittet. Einerseits freut mich das, weil ich Leute auf nicht-creepy Art und Weise berührt habe, andererseits denke ich mir: Es tut mir Leid.”

Seit 2018 macht Maxi als „Shitney Beers“ Musik. Aber sie hat schon viel früher Klavier spielen gelernt, bis sie dann irgendwann mal Gitarre lernen und Rockstar werden wollte. Und jetzt wurde sie eben ein trauriger Rockstar.

Und bis vor ein paar Semestern war sie noch an der Popakademie Mannheim eingeschrieben, die im Mannheimer Stadtteil Jungbusch beheimatet ist.

“Der Stadtteil war früher Mannheims Rotlichtviertel. Und irgendwann kam dann die Popakademie dahin, weil die Mieten und Grundstückspreise sehr niedrig waren. Die haben dort einen riesigen, hässlichen Klotz hingebaut und den Stadtteil mit wahnsinnig vielen Studierenden überflutet. Und jetzt ist die ganze Scheiße gentrifiziert.”

Und auch von der Popakademie hält sie nicht viel.

” Früher war sie eine private Hochschule, jetzt ist sie staatlich anerkannt. Aber die Popakademie ist auch eine Firma. Das heißt, es gibt keine Dekane, sondern zwei Geschäftsführer. Weiße, alte Männer.”

Es ist ein sehr elitärer Laden, an dem Maxi zwei Semester Musikbusiness studiert hat. Und dann eben abgebrochen.

“Ich bin eigentlich dahin gegangen, weil ich später mein eigenes Label gründen wollte. Doch die raten dir ab, das zu tun und bereiten dich darauf vor, später bei Universal Kaffee zu kochen.”

Die Popakademie möchte junge Menschen dazu ausbilden, am Ende kommerziell erfolgreiche Musik zu machen. Unter anderem hat dort Joris studiert, aber auch die Sängerin Mine oder der Produzent Markus Ganter. Manche schließen sich dem Gedanken der Poppe an, möglichst populäre Musik zu machen.

“Ich habe mal bei Zeitstrafe mitgeholfen, ein Album zu promoten und davon erzählt. Dann hat der Dozent eiskalt gesagt: Ja, aber wir sind die Popakademie – und nicht die Punkakademie.”

Und die Popakademie hat eben auch dazu beigetragen, dass der Mannheimer Stadtteil Jungbusch gentrifiziert wird. Und über die Straßen spaziert dort ein sehr komischer Dude, der Chef von der Immobilienfirma „Hildebrandt & Hees“ ist, die in Mannheim mehr als 70 Häuser aufgekauft hat. Und Altbauten teuer saniert. Vielleicht zieht’s Maxi deswegen auch von Mannheim nach Hamburg.

Shitney Beers feiert Widersprüche: Zum einen hat der Albumtitel „Welcome To Miami“ nichts mit dem Album an sich zu tun und auf dem Cover ist einmal Maxi in der Tiefgarage von Mannheimer Hochhäusern zu sehen. Und dann noch ganz viele Regenbogen. Und folgender Satz: Goes well with a box of tissues and a big glass of apple juice. Beim Aufnehmen und Proudzieren des Albums hat Shitney Beers aber keinen Apfelsaft getrunken, sondern vor allem Bier und Kümmelkorn.

Und es war auch eine “sehr einfache” Produktion des Albums.

“Ein sehr guter Freund von mir, Lukas Klotzbach, hat mit mir das Album produziert. Wir haben in seiner Altbauwohnung eine riesige Deckenburg für die Aufnahme gebaut und uns viele witzige Sachen überlegt. Es sind viele kleine Easter Eggs im Album versteckt. Wir haben viel rumprobiert und es ist ein großes Experiment geworden.”

Und es ist ein Experiment geworden, dass sehr gelungen ist. Zwei Monate haben Lukas und Maxi mit den Aufnahmen in der Mannheimer Wohnung verbracht. Und das Ziel war es auch, möglichst wenig Geld auszugeben. Das teuerste war ein Apple-Adapter, dazu kamen die Ausgaben für den Alkohol.

Insgesamt sind zehn Songs auf ihrem Debüt “Welcome To Miami” drauf. Alle sehr ruhig. Alle sehr traurig. Und teilweise sehr heavy. Zum Beispiel der Song „Lourdes“. Der Name ist eigentlich ein Arbeitstitel gewesen, weil ein Freund von Maxi einen Song wollte mit dem Titel „Lourdes“. Und weil sie dann keinen passenden Titel gefunden hat, blieb’s dabei.

“Ich wurde gestalkt. Und das habe ich in dem Song verarbeitet: Wie man sich in einem Menschen täuschen kann. Wie die Dinge anfangen, man es abbricht, und  – meistens sind es Männer – beim anderen die Sicherungen durchbrennen.”

Und auch im Song “Keys” geht es um Angst und Bedrohung. Sie singt darin: “You rarely see us walking at night, Without our keys held tight, Not all men are still too much, And we’re not ‘man enough’.”

“Du läufst nachhause, du hörst Schritte hinter dir und siehst, dass es ein Dude ist. Du läufst schneller, er läuft auch ein bisschen schneller. Vielleicht will er nichts von dir, vielleicht ist er auch nur auf seinem Heimweg. Aber du weißt es nicht und das löst eine wahnsinnig große Angst und Panik in dir aus. Und deswegen ein Appell an die Cis-Dudes: Wenn ihr seht, dass eine FLINTA*-Person vor euch läuft, dass wechselt die Straßenseite oder tut so, als ob ihr telefoniert. Einfach nur, damit die Person vor Euch keine Angst haben muss.”

Das Debütalbum „Welcome To Miami” von Shitney Beers beschreibt die Beziehungen zwischen Menschen. Vom extrem-positiven bis zum extrem-negativen. Maxi hat beim Konzert gesagt, dass sie das Album für jemanden geschrieben hat. Doch jetzt als es rausgekommen ist, war dafür zu spät.

„Welcome To Miami“ bleibt trotzdem ein tieftrauriges, gesellschaftskritisches, aber auch rundes Album von einer straighten Künstlerin. Die jetzt schon an ihrer zweiten Platte arbeitet und dann hoffentlich bald wieder in Kiel zu sehen ist.

Hier gibt’s das Feature ohne Musik zum Nachhören:

Und hier gibt’s das ganze Studio-Gespräch mit Maxi zum Nachhören:

Aus dem tiefen Süden im hohen Norden gelandet, moderiert Moritz montags die Kulturtankstelle beim Campusradio Kiel. Tiefentspannt, mit guter Musik und einem kühlen Pils. Später dann irgendwann früh aufstehend und mit Kaffee bei der Presseschau des Deutschlandfunks.