Buchrezension: Bov Bjerg – Serpentinen

Mit seinem Roman “Serpentinen” war Bov Bjerg im vergangenen Jahr für den deutschen Buchpreis nominiert. Moritz hat das Buch für Euch gelesen.

Der Urgroßvater, Großvater und Vater haben sich das Leben genommen. Jetzt scheint es auch für den Protagonisten an der Zeit zu sein, sein Leben zu beenden. Und dazu gleich auch das seines Sohnes.

In Bov Bjergs Roman Serpentinen fährt der Ich-Erzähler zurück in seine Heimat, auf die Schwäbische Alb. Auf dem Beifahrersitz: Sein Sohn, der noch im Grundschulalter ist. Die Straßen schlängeln sich in Serpentinen den Berg hinauf, Vater und Sohn fahren hoch und runter, freuen sich, wenn sie in die Kurven gedrückt werden. Aber sie sind nicht zum Spaß da, zumindest nicht der Vater, dessen Name nie fällt. Auch der seines Sohnes nicht. Sie sind aus Berlin ins Schwäbische gereist, um sich umzubringen. Der Sohn ahnt nichts davon, er weiß auch nicht, dass sich alle seine männlichen Vorfahren umgebracht haben.

Serpentinen erzählt aus der Ich-Perspektive des Vaters, wie belastend das Verhalten all der männlichen Vorfahren für ihn ist. Niemand in der Familie möchte, oder kann vielleicht, darüber sprechen. Der Protagonist, der Soziologieprofessor in Berlin ist, zeichnet zwei parallele Welten: In der einen realen Welt stellt er seinem Sohn Rechenaufgaben und ist mit ihm auf Wanderwegen und schwäbischen Dörfern unterwegs. In der anderen schweift er in Gedanken ab, zurück in die Vergangenheit. Zu seinem Vater, zu all der Gewalt, zum Christentum, zu Nazis.

Bov Bjerg / Foto: Gerald von Foris

Bov Bjerg beschreibt in Serpentinen mit einfachen Sätzen und teils bizarren Worten, wie ein Vater nicht mit seinem Leben klarkommt. So wie es auch seinem Vater, und dessen Vater, und dessen Vater erging. Die Zeilen entfalten eine Sogwirkung, und immer wieder holen einen die gleichen Begriffe ein: Familienbla, Scheißvater, Schienenbus, Wasserscheide. Die Serpentinen schleichen sich durch das Buch, immer wieder gibt es den schon bekannten Ausblick hinunter ins Tal. All die Ausblicke, die der Ich-Erzähler schon tausende Male gesehen hat, und aus denen er entkommen will.

Mit Serpentinen ist Bov Bjerg ein kalter, manchmal auch fast apathischer Roman gelungen. Mit einer einfachen Sprache beschreibt er gekonnt die tiefen Abgründe und die steilen Anstiege. Wer das Buch in die Hand nimmt, möchte am liebsten ohne Pause auf den Berg hinauffahren.

 

Bov Bjerg: Serpentinen. Roman, Claassen Verlag, Berlin 2020. 267 Seiten, 22,– €.
Gibt’s auch in der Universitätsbibliothek zur Leihe.

Foto: Gerald von Foris

Aus dem tiefen Süden im hohen Norden gelandet, moderiert Moritz montags die Kulturtankstelle beim Campusradio Kiel. Tiefentspannt, mit guter Musik und einem kühlen Pils. Später dann irgendwann früh aufstehend und mit Kaffee bei der Presseschau des Deutschlandfunks.