Buchrezension: Lana Bastašić – Fang den Hasen

Die Autorin Lana Bastašić / Foto: Radmila Vankoska

Vor knapp drei Jahren veröffentlichte die bosnische Schriftstellerin Lana Bastašić ihren Debüt-Roman „Fang den Hasen“, für den sie den Europäischen Literaturpreis erhielt. Jetzt ist in der letzten Woche die deutsche Übersetzung beim Fischer-Verlag erschienen.

Nach 16 Jahren Funkstille bekommt Sara in Dublin einen Anruf. Am anderen Ende der Leitung ist Lejla, ihre ehemalige Jugendfreundin. Der Anruf kommt aus Bosnien, aus dem Land, in dem beide gemeinsam aufgewachsen sind. Lejla sagt, dass Sara unbedingt nach Bosnien kommen muss: Ihr Bruder Armin sei in Wien aufgetaucht, und sie brauche dringend jemanden, der sie hinfahren kann. Trotz der langen Funkstille steigt Sara sofort ins Flugzeug und begibt sich auf den Weg nach Bosnien. Zurück in das scheinbar immer rückständige Land, das sie vor Jahren verlassen hatte in Richtung des fortschrittlichen Irlands. In Bosnien angekommen, macht sie sich gemeinsam mit Lejla auf einen Roadtrip in Richtung Wien. Immer mit der Hoffnung, am Ende Armin zu sehen.

Dass Sara für den Trip nach Bosnien kommt, liegt nicht daran, dass sie unbedingt Lejla sehen möchte. Sie möchte Armin sehen. Als sie in der Pubertät war, mochte sie ihn. Ja, vielleicht war sie sogar verliebt. Aber er verschwand spurlos in den Wirren des Bosnienkrieges. Erst werden die Hunde getötet, dann die Menschen.

Sara und Lejla wachsen zusammen auf, durchlaufen die Pubertät, machen gemeinsam den Schulabschluss. Aber sie wachsen auch mit dem Zerfall Jugoslawiens auf. Tito stirbt, und mit seinem Tod zerfällt sein Land. Mit seinem Tod wird die Gesellschaft entzweigerissen. Auch in Bosnien bricht kurze Zeit später der Krieg aus. Aus Nachbarn werden Feinde, aber Sara und Lejla bleiben befreundet. Sara, die Tochter des örtlichen Polizeikommandanten. Und dann ihre Freundin, die ihren Namen vom bosniakischen Lejla Begić in den serbischen Lela Berić ändert. In Saras Augen verändert sich damit auch ihre Persönlichkeit.

Der Krieg wird in Lana Bastašićs Roman „Fang den Hasen“ aber fast nie explizit erwähnt. Er dröhnt aber die ganze Zeit über allen Handlungen, ist ein ständiges Rauschen in den Ohren. Und das ganze Land ist dunkel, auch noch Jahre nach dem Krieg. Die Narben und Risse bleiben, erholt hat sich Bosnien nie. Auch wenn der Krieg nur im Hintergrund tobt, beherrscht er das Buch. Der Krieg bricht über Sara und Lejla hinein und nimmt ihnen ihre Freiheit, nimmt ihnen ihr Leben.

„Fang den Hasen“ ist eigentlich ein Brief oder ein Gespräch, das Sara mit Lejla führt. Sie spricht zu ihrer Freundin. Während dem Roadtrip spricht Sara über Lejla in der dritten Person. Lejla ist nur „sie“. Aber in den von Lana Bastašić in eckige Klammern gesetzten Rückblicken, in denen sie die Vergangenheit, die gemeinsame Jugend der beiden Freundinnen beschreibt, redet Sara auf Lejla ein. Lejla, das bist „Du“. Sara ist auch auf der Suche nach der alten Lejla, nach ihrer Freundin, mit der sie einst so viel gemeinsam hatte.

Lana Bastašić beschreibt mit einfachen Sätzen die Ratlosigkeit und die Dunkelheit, die im zerfallenen Bosnien herrschen. Sie beschreibt, wie der Krieg den beiden Frauen ihr Leben raubte. Wie Sara auf der Suche nach ihrer alten Freundin Lejla ist. Wie Sara das Land verabscheut, es aber dennoch irgendwie ihre Heimat ist, nach der sie Sehnsucht hat. Und wie Sara und Lejla auf der Suche nach Freundschaft sind und vor allem der Hoffnung, Armin in Wien zu finden

„Fang den Hasen“ von Lana Bastašić ist am 10. März beim Fischer-Verlag erschienen. 333 Seiten kosten 22 Euro.

Aus dem tiefen Süden im hohen Norden gelandet, moderiert Moritz montags die Kulturtankstelle beim Campusradio Kiel. Tiefentspannt, mit guter Musik und einem kühlen Pils. Später dann irgendwann früh aufstehend und mit Kaffee bei der Presseschau des Deutschlandfunks.