Kulturtankstelle (01.02.21): Musik aus Osteuropa und London (11)

Internationale Neuerscheinungen von Motorama (Russland), Oxford Drama (Polen) und Gina Été (Schweiz). Außerdem ein Filmtipp.

*** Motorama – Before The Road ***

Die russische Post-Punk-Band Motorama hat praktisch aus dem Nichts ein neues Album herausgebracht: Es heißt

Motorama / Foto: Sarunas Jaskutelis

„Before The Road“. Motorama hat sich bereits 2005 in Rostov am Don gegründet, die neue Platte ist ihr mittlerweile sechstes Album. Und es ist das erste Album von Motorama, das auf ihrem eigenen Label I’m Home Records erscheint, das vor knapp einem Jahr von Vlad Parshin, dem Sänger von Motorama, gegründet wurde. Parshin hat auch alle Songs vom neuen Album geschrieben und produziert, es ist also eine komplette Eigenproduktion.

Mit insgesamt nur sieben Titeln ist „Before The Road“ wohl eher eine EP geworden, die Motorama-Alben sind ansonsten aber auch nicht viel länger als 25 Minuten. Interessant ist auch, dass die in den letzten Monaten erschienen Singles „New Era“ und „Today and Everyday“ nicht mit auf die Platte gepackt wurden. Dann wäre es – im herkömmlichen Sinn gesehen – wohl eher ein richtiges Album geworden. Und die Songs hätten es vermutlich auch vorangebracht.

Die Platte, die am letzten Freitag rauskam, schließt sich etwas an das Vorgängeralbum „Many Nights“ an. Die Lead-Gitarre führt durch die sieben Tracks, die die graue Betonstadt Moskau, die azurblaue Sonne, die Reise als Form der Flucht und die Liebe zur See beschreiben. Wenn man auf die ganze Platte schaut, beschreibt „Before The Road“ mit ziemlich abstrakten Zeilen das Leben. Dargestellt als Straße, auf der man immer weiterfährt.

Es ist ein ruhiges und langsames Album geworden. Der Sänger Vlad Parshin bricht selten aus, im Gegensatz zu den Vorgängeralben. Er singt eher sanft und schwermütig, aus seinen Texten werden die Hörer aber nicht richtig schlau.

So ganz an die sechs Platten davor kommt „Before The Road“ nicht ran. Das liegt vielleicht daran, dass Motorama bei ihren Veröffentlichungen in sehr bipolaren Phasen unterwegs waren. Mal ging es auf den Alben „Poverty“ und „Alps“ düster zu, mal zog auf „Dialogues“ und „Calendar“ der Frühling ein. Auch schon die letzte Platte „Many Nights“ siedelte sich irgendwie in der Mitte an, war aber musikalisch doch sehr aufregend. Das jetzt erschienen Album „Before The Road“ pendelt sich musikalisch als auch textlich in der schwerelosen Mitte ein – und reißt die Hörer:innen deshalb emotional nicht so mit.

 

*** Oxford Drama aus Breslau ***

Małgorzata Dryjańska und Marcin Mrówka waren gelangweilt von ihren Englisch-Studium: Sie gründeten

Oxford Drama aus Breslau / Foto: Nelly Valverde

kurzerhand einfach das Experimental-Pop-Duo Oxford Drama. Auf zwei anfängliche Alben folgten zwei eher elektronische Alben, nun steht die dritte Platte bevor, sie heißt: “What’s The Deal With Time?” Aus diesem folgt die erste Singleauskopplung “Not My Friend”, mit der man sich auf das kommende Album freuen darf.

*** Gina Été – Trauma ***

Die Sängerin aus Zürich veröffentlichte in der letzten Woche eine neue Single. Trauma handelt von ihrem Aufenthalt auf der griechischen Insel Lesbos. Dort engagierte sie sich als Freiwillige in einem Camp für Geflüchtete: Wohlwissend mit dem Hintergrund, dass sie als Schweizerin die Insel jederzeit verlassen kann, die Geflüchteten jedoch nicht. Davon handelt der Song, der durchaus mit ihren Track “Mauern” (2019) zu vergleichen ist, der die Situation an der Grenze zwischen den USA und Mexiko behandelt.

 

*** Filmtipp: In My Room ***

Armin, Ende 30, ist Kameramann, lebt in Stuttgart, geht zu McDonalds, steht im Stau, geht abends gerne in den Club. Er hat keine Lust auf ein Leben, das ihm vorgegeben wird, aber zufrieden ist er auch nicht, wenn er Tom Bartels hört, wie er die Vierschanzentournee kommentiert. Im Nebenzimmer stirbt seine Oma.

In My Room / Foto: Pandora Film Verleih

Als er am nächsten Tag aufwacht, scheint nicht nur seine Oma, sondern die ganze Welt tot zu sein. Kein Strom, kein fließendes Wasser mehr, und vor allem: keine Menschen. Nur noch Tiere sind am Leben, und Armin. Seine ganze Umgebung wirkt so, als hätten seine Mitmenschen alles Stehen und Liegen gelassen.

Dieses Szenario zeichnet der Spielfilm „In My Room“ mit Hans Löw aka Armin in der Hauptrolle. Anfangs hat er noch einen kleinen Bierbauch, nach dem Weltumbruch macht der Film einen kleinen Sprung – vielleicht um Monate, vielleicht um ein Jahr – und zeigt Armin wieder: Mit wenig Haut an den Knochen, einem Bart, und einem Körper, der von der harten Arbeit gezeichnet ist. Er lebt in Schwäbischen, auf seinem kleinen Selbstversorger-Bauernhof. Alleine, mit seinen Tieren.

Armin lebt in Einsamkeit – bis eines Tages wie aus dem Nichts ein Auto auftaucht, in dem Kirsi sitzt. Eine Frau in seinem Alter, die wohl neben ihm die einzige Überlebende zu sein scheint. Mit ihr geht er sogar in einen verlassenen DVD-Laden, ein Relikt der vergangenen Zeit, um Filme auszuleihen.

„In My Room“ zeichnet das Portrait eines Mannes, der bisher mit seiner Umgebung und seinem Leben in einer vorgegebenen Welt nicht so richtig zufrieden war, sich aber irgendwie auch nichts anderes vorstellen konnte. Dann geht die Erde praktisch unter: Und er findet sich plötzlich in einer nicht vorgegebenen Welt, in einem Leben ohne Zwänge, also in kompletter Freiheit wieder. Neben den schönen Aufnahmen, in denen die Gegenwart sehr vergänglich zu sein scheint, zeigt „In My Room“ in seinen 110 Minuten auch auf, wie sich Menschen nach langer, einsamer Zeit wieder nach körperlicher Nähe sehnen. Und wie ein Film mit so wenig Sprache auskommen kann.

„In My Room“ von Ulrich Köhler lief 2018 in den Kinos, der Film ist jetzt in der arte-Mediathek zu sehen.

Die ganze Sendung zum Nachhören gibt’s unter mixcloud.com/moritz_myDort steht Euch die Sendung für 7 Tage zur Verfügung.

Tracklist:

Interpret:in Titel
Fatoni feat. Dirk von Lotzow Alles zieht vorbei
Dissy feat. Mine freak
070Shake Nice To Have
Boundaries Mirror’s Image
Tocotronic Mein Ruin
The Düsseldorf Düsterboys Wie Ein Henker
Bleachers feat. Bruce Springsteen Chinatown
Muzz Knuckleduster (live)
Big Thiefs Forgotten Eyes
Human Tetris Things I Don’t Need
Leto V Gorode Coh
Motorama Pole Star
Motorama Azure Height
Motorama Sailor’s Song
Interpol NYC
Oxford Drama Not My Friend
Balthazar Later
Gina Été Trauma
Half Moon Run Give Up
Puma Blue Silk Print
Sylvan Esso Coffee
Son Lux Easy
Half Moon Run Give Up

 

Aus dem tiefen Süden im hohen Norden gelandet, moderiert Moritz montags die Kulturtankstelle beim Campusradio Kiel. Tiefentspannt, mit guter Musik und einem kühlen Pils. Später dann irgendwann früh aufstehend und mit Kaffee bei der Presseschau des Deutschlandfunks.