Buchrezension: Hendrik Bolz – Nullerjahre

Das ist seine ostdeutsche Geschichte: Hendrik Bolz (aka Testo) veröffentlicht mit “Nullerjahre – Jugend in blühenden Landschaften” sein Debüt auf dem Büchermarkt. Rechtsextremismus, Alkohol, Drogen und Gewalt prägen sein Aufwachsen im Stralsunder Stadtteil Knieper West – eine triste Plattenbausiedlung in den 90ern.

Hendrik Bolz © Greta Baumann

Den Rapper Testo kennt man vor allem als eine Hälfte des Rap-Duos „Zugezogen Maskulin“. Mit grim104 rappt er über das triste Berlin, Agenturensöhne und die ostdeutsche Provinz. Aber nicht über den Osten in Friedrichshain oder Connewitz, sondern über den Osten am Rande der Republik. Über die Stadt, in der Hendrik Bolz aka Testo in den 90ern aufgewachsen ist: Stralsund. Mit „Plattenbau O.S.T.“ hat er schon einen Rap-Song über das Thema geschrieben, jetzt füllt er ein ganzes Buch damit. Seine gerade erschienene Autobiographie „Nullerjahre – Jugend in blühenden Landschaften“ ist die ostdeutsche Geschichte des Hendrik Bolz‘.

Für Hendrik Bolz ist es ein Debüt. Zum ersten Mal werden seine Zeilen nicht als Rap-Song sondern als Buch veröffentlicht. Der 34-jährige schreibt über seine Jugend im Plattenbau von Stralsund. Sein Viertel Knieper West wurde einst für 20.000 Menschen erbaut, von der einstigen Blüte ist aber in den 90ern nicht mehr viel übrig. Die blühenden Landschaften sind Betonwüsten geworden, in denen nichts passiert. In denen sich die Kinder und Jugendlichen die Zeit vertreiben müssen.

Die Leser*innen begleiten den jungen Hendrik, wie er in dieser Tristesse aufwächst. Wie er zum ersten Mal einer „Zecke“ begegnet und merkt, dass es noch was anderes als Rechts gibt. Wie er und seine Freunde Gas in ihren Kinderlungen haben, wie sie Fahrräder im Moorteich versenken, wie Hendrik seinen ersten Rausch erlebt und wie viel Raum die Drogen einnehmen können. Und vor allem: Wie normal Gewalt in seinem Alltag war. Überall kann man auf die Fresse bekommen, an der Ecke wartet schon die nächste Demütigung. Rote Sambas reichen, um eine Faust zu kassieren.

„Der Klügere gibt nach, bis er der Dumme ist.“ So lautet das Sprichwort in Knieper West. Mal bekommt Hendrik auf die Fresse, mal gibt er auf die Fresse. Weil eben auch er nicht immer der Klügere sein will, weil es ihm auch mal reicht, weil er all das satt hat.

„[…] mir liegt das „Sorry!“ des geprügelten Hundes schon auf den Lippen, aber nein, nein, nein, nein, NEIN. Diese Scheiße hat hier und jetzt ein Ende, mein Fahrrad fällt klirrend auf den Beton, ich bau mich vor ihm auf und sofort legt sich ein Schatten über seine arrogante Fresse, damit hat die dumme Sau nicht gerechnet.“

Die Leute hauen sich auf der Straße um, aber alle schauen weg. Rentner spazieren vorbei oder verschwinden hinter ihren Gardinen, Familien auf Fahrrädern gucken nicht. Gewalt ist normal in Knieper West. Und um zu überleben, soll man keine Schwäche zeigen, so lernt es der junge Hendrik.

„Ich lache lache lache und die Tränen laufen. Ich hör auf mit Lachen, doch die Tränen laufen weiter. Ich weine. Zum ersten Mal seit vielen Jahren. Ekelhaft, wo kommt das jetzt her, peinlich, widerlich! Bevor es jemand merkt, wisch ich schnell alles weg.“

Hendrik Bolz erzählt seine ostdeutsche Geschichte. Aber sie steht auch sinnbildlich für die vielen anderen Plattenbauten im Osten, in denen die Kinder kurz vor der Wende geboren wurden, und nach der Wende im Niemandsland aufwachsen. Das Spannende an Hendrik Bolz‘ Autobiographie ist, dass er immer wieder zwischen seinen persönlichen Erzählungen und den recherchierten Informationen über seinen Wohnort wechselt. In den Kapiteln verschwimmen Roman und Sachbuch miteinander. Und vor allem fließen Zahlen zu rechter Gewalt mit: Von 1990 bis 2000 zum Beispiel gab es in Deutschland 132 Todesopfer rechter Gewalt.

Das Thema dominiert natürlich auch die Jugend von Hendrik Bolz: Als Kind ist ihm gar nicht klar, dass es eine andere politische Einstellung als Rechts gibt. Aber er erkennt auch, dass der Rechtsextremismus teilweise eine Modeerscheinung war – aber eben nur teilweise und längst nicht bei allen. Mit 12, 13 Jahren wandelt sich auch Hendrik. Er fängt an, breite Hosen zu tragen und geht nicht mehr zum Friseur. Nach und nach löst Rap die Onkelz ab. Und ohnehin spielt Musik eine große Rolle in seinem Aufwachsen. Immer wieder verbindet er seine Emotionen und Geschichten mit bestimmten Songs: Anfangs eben die Onkelz, später die Toten Hosen, dann Bushido.

„Nullerjahre“ von Hendrik Bolz ist eine aufregende Autobiographie. Sie gibt Einblicke in das Aufwachsen in der Platte. Einblicke in das Ostdeutschland nach der Wende. Einblicke in Stadtteile wie den Knieper West, die scheinbar vergessen wurden. Wo die Jugendlichen auf den Spielplätzen rumhängen, sich langweilen, alles und sich kaputtmachen und außenrum riecht die ganze Stadt nach Scheiße. Von den Gülle-getränkten Feldern vor Stralsund.

Hendrik Bolz beschreibt seine Jugend mit roughen Wörtern, die kalt sind und wütend, seine Fäuste sind geballt. Und er nimmt die Leser*innen mit in seine Gedankenwelt, was sein Handeln nachvollziehbar erscheinen lässt. Er ist verliebt in dreifache Ausrufe und nutzt Großbuchstaben, wenn geschrien wird – und das passiert sehr häufig. Denn der Knieper West ist trostlos und wer nicht abstumpft, wer Schwäche zeigt, der hat verloren. „Nullerjahre“ ist Hendrik Bolz‘ Geschichte vom Plattenbau Ost.

„Nullerjahre – Jugend in blühenden Landschaften“ von Hendrik Bolz ist im Februar bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. 330 Seiten kosten 20 Euro.

Aus dem tiefen Süden im hohen Norden gelandet, moderiert Moritz mittwochs die Kulturtankstelle beim Campusradio Kiel. Tiefentspannt, ohne Schuhe, mit guter Musik und einem kühlen Pils.