“Wahlbeobachter” von Scheinreferenden in Ostukraine verliert Lehrauftrag an CAU

Patrik Baab war Dozent an der CAU, dann reiste er in den Osten der Ukraine und beobachtete dort die russischen Scheinreferenden. Jetzt ist er seinen Lehrauftrag los.

Seit 2008 hielt der NDR-Journalist Patrik Baab Seminare an der Uni Kiel in der Fachergänzung zum 2-Fach-Bachelor Politikwissenschaft. Bis zu einem Seminar im Semester bot er an, auch für das kommende Wintersemester. Der Titel: „Recherchieren – ein journalistischer Werkzeugkasten zur Kritik der herrschenden Meinung“. Dazu kommt es aber nicht, das Seminar wurde abgesagt, der Lehrauftrag des 63-jährigen gekündigt. Denn: Im September reiste Baab zuerst nach Russland, anschließend in den Osten der Ukraine. Laut eigener Aussage sei er privat unterwegs gewesen und habe für ein Buch recherchiert.

Baab (l.) bei einer Pressekonferenz zu den Scheinreferenden © CRK-Screenshot von RIA Novosti

Allerdings beobachtete er die Abstimmungen zu den Scheinreferenden in den von Russland besetzten Gebieten. Gegenüber der selbsternanten deutsch-russischen Friedensjournalistin Alina Lipp vom Portal „Neues Aus Russland“ berichtete Baab von seinen Beobachtungen von den Wahlen in Mariupol und Luhansk. Er habe acht Wahllokale der sogenannten Scheinreferenden besucht. Fünf der Lokale seien in Bussen oder Gebäuden untergebracht gewesen, drei weitere Lokale unter freiem Himmel. Bei den stationären Wahllokalen seien die Anforderungen an eine freie, demokratische und geheime Wahl erfüllt gewesen, so Baab. Denn es habe Wahlkabinen gegeben. Bei den Wahllokalen unter freiem Himmel hingegen sei das nicht der Fall gewesen, denn es habe keine Wahlkabinen gegeben.

Später gab Patrik Baab der staatlichen russischen Nachrichtenagentur TASS Auskünfte über seine Beobachtungen zur Wahl. Er trat also durchaus nicht als Privatperson, sondern als Wahlbeobachter auf. Das bestätigen auch Bilder, auf denen er auf Podien von Pressekonferenzen zu sehen ist und seine Beobachtungen schildert. Gegenüber der Nachrichtenagentur TASS sagte Patrik Baab, dass die fehlenden Wahlkabinen die einzigen Verstöße bei den Referenden gewesen seien, ansonsten seien die internationalen Standards erfüllt worden.

Durch sein Auftreten als Wahlbeobachter geriet Patrik Baab in die Schlagzeilen, mehrere Medien berichteten über ihn. Im Anschluss reagierte auch die Uni Kiel und kündigte den Lehrauftrag: „Patrick Baabs Auftreten als ‘Beobachter’ der völkerrechtswidrigen Scheinreferenden in den russisch besetzten Gebieten der Ukraine verleiht dem russischen Vorgehen den Anschein von Legitimität.“ Laut eigener Aussage hatte die CAU keine Kenntnis von Baabs Aufenthalt im Donbass. Die Lehrveranstaltung für das kommende Wintersemester wurde abgesagt.

Trotzdem wirft das Verhalten der CAU Fragen auf: Denn Patrik Baab war schon 2017 bei dem Webportal KenFM zum Interview zu Gast. Das Portal und dessen Betreiber Ken Jebsen sind einschlägig für die Verbreitung von Verschwörungstheorien bekannt, Jebsen wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Patrik Baab sprach mit ihm über sein Buch „Im Spinnennetz der Geheimdienste“, das er 2017 veröffentlichte. Darin geht es unter anderem um die Ermordungen von Olof Palme und Uwe Barschel und die Zusammenhänge der Todesfälle mit der CIA und anderen westlichen Geheimdiensten. Später präsentierte Baab das Buch auch bei einer Veranstaltung an der Uni Kiel. Und auch bei zwei weiteren sogenannten alternativen Medien war Baab für Interviews zu Gast: Zum einen bei nachdenkseiten.de und bei Rubikon.

Mit diesem Hintergrund bekommt auch Patrik Baabs Seminar mit seinem „journalistischen Werkzeugkasten zur Kritik der herrschenden Meinung“ einen anderen Geschmack. Für die Uni Kiel war all das kein Grund, in den letzten fünf Jahren den Lehrauftrag von Patrik Baab in Frage zu stellen: „Auch für Lehrbeauftragte gilt die Meinungsfreiheit und bislang gab es keinen Anlass, die Aktivitäten von Herrn Baab, einem langjährigen NDR-Journalisten, im Einzelnen zu prüfen. Deshalb waren uns seine bisherigen Veröffentlichungen auf diesen Portalen nicht bekannt.“

Doch mit der Reise in den Donbass scheint es genug für die Uni: Sie hat die Reißleine gezogen. Studierende, die für das kommende Wintersemester einen Platz in Baabs Seminar belegt haben, müssen sich jetzt ein Ersatz-Seminar suchen.

Titelfoto: CRK-Screenshot von RT DE.

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